Was ist… Indie-Musik?

Was ist… Indie-Musik?

Der Rapper Cro sagte in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung im Juni 2014: „Indie ist zehn Jahre buckeln ohne Geld zu sehen und dann ohne Major-Label Doppelplatin holen und die Schleyer-Halle in Stuttgart ausverkaufen.“ Cro, der beim Stuttgarter Independent-Label Chimperator Productions unter Vertrag ist, beschrieb damit seine eigene Laufbahn. Und er distanzierte sich von Kritikern, die ihn mit Blick auf seine Kooperationen sowie Werbeaktionen mit Axe, H&M, McDonald’s und Red Bull als „Sellout“ sähen – und deren kritische Haltung sein Interviewer Jan Georg Plavec als „Indie-Haltung“ bezeichnen wollte.

Was aber ist „Indie“ eigentlich und warum ist es für einen Musiker wie Cro wichtig, das „Indie-Sein“ auch im Moment des kommerziellen Erfolgs für sich zu beanspruchen?

Ein gängiges Verständnis basiert auf der Unterscheidung zwischen „Independent“ und „Major“-Labels. Demnach ist alle Musik „Indie“, die nicht durch eines der drei Major-Labels Universal Music, Sony Music oder Warner Music Group (oder durch eine an sie angeschlossene Plattenfirma) vermarktet wird. Dieses „Indie-Sein“ ist unabhängig vom musikalischen Genre – hier definiert sich „Indie“ allein aus der Abgrenzung zu den drei Unternehmen mit den größten Marktanteilen. Der „Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V.“ zum Beispiel definiert „Independent Unternehmen“ auf ähnliche Weise.

Auch in Cros Aussage schwingt dieses Indie-Verständnis mit, wenn er seine Unabhängigkeit von einem Major-Label betont. Und es erklärt zugleich sein Dilemma: Wenn sich „Indie“ in erster Linie als Gegenstück zu kommerziell erfolgreichen Unternehmen definiert, wie kann dann ein kommerziell erfolgreicher Künstler weiterhin „Indie“ sein?

In einem Artikel über Indie Rock betont AllMusic, dass Indie persönlichen Geschmack über Profit setze und sich so die Freiheit nehme, Sounds, Emotionen und Themen zu erkunden, die nicht darauf ausgerichtet seien einem großen Mainstream-Publikum zu gefallen – und die in der Regel auch zu eigenartig seien als dass sie Vielen gefallen könnten.

Wenngleich undifferenziertes Profit-Bashing etwas müßig ist, da ja auch Independent-Labels und Indie-Bands in der Regel darauf hinarbeiten müssen schwarze Zahlen zu schreiben, so spricht hieraus doch eine klare Haltung: Wer Indie ist, entscheidet sich im Zweifel für die eigene künstlerische Freiheit und gegen Resonanz bei einem großen Publikum. Aus diesem Ideal der Kompromisslosigkeit speist sich die Integrität eines Indie-Künstlers.

Was also, wenn die Publikumsresonanz auf einmal doch groß ist, wie in Cros Fall? Hat die Indie-Musik dann zufällig den Nerv eines großen Publikums getroffen? Oder ist sie bewusst Kompromisse eingegangen um einem größeren Publikum zu gefallen? Und wie lässt sich künstlerische Integrität in der Grauzone jenseits bewusster Entscheidungen bestimmen? Wie unabhängig ist der künstlerische Prozess, sind Geschmack und Eigenart eines Indie-Künstlers tatsächlich von äußeren Einflüssen, von Publikumsreaktionen im kleinen oder großen Kreis? Und wird Musik, die im Moment ihres Entstehens noch „Indie“ war, automatisch zu „Mainstream“, sobald sie von Vielen gehört wird?

Von Elena Lefevre

 

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